„Die sozialen Herausforderungen können wir nur gemeinsam bewältigen.“

20.000 Menschen in Österreich sind obdach- oder wohnungslos registriert. Die Heilsarmee ist in der Unterstützung Betroffener eine wichtige Partnerin der Stadt Wien. Geschäftsführer Roland Skowronek spricht im Interview über aktuelle Herausforderungen und einen nicht endenden sozialen Auftrag.

Geschäftsführer Roland Skowronek im Interview

Die Heilsarmee fokussiert ihre Arbeit in Österreich auf Obdach- und Wohnungslosigkeit in Wien. Im öffentlichen Raum wird Obdachlosigkeit immer unsichtbarer. Wie sieht die Realität aus?

Roland Skowronek: In Österreich sind rund 20.000 Menschen von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen. Davon leben 60 Prozent, also 12.000 Menschen, in Wien. Einer der Gründe ist die Anziehungskraft von Wien als Großstadt. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2021. Aktuelle, verlässliche Daten fehlen jedoch. Eine neuerliche Erhebung wäre daher wichtig, auch wenn das Ausmaß von Obdach- und Wohnungslosigkeit nur schwer zu erfassen ist. Die rund 12.000 Betroffenen sind in der Wiener Wohnungslosenhilfe registriert. Hinzu kommt eine schwer erfassbare Dunkelziffer.

Worauf ist Wohnungslosigkeit zurückzuführen?

Roland Skowronek: Wohnungslosigkeit kann unterschiedliche Ursachen haben. Armut ist dabei ein wesentlicher Risikofaktor. Nicht jeder Mensch, der von Armut betroffen ist, wird wohnungslos, aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Menschen mit schlechteren Startchancen, die unter Bildungsarmut und finanzieller Not leiden, sind besonders gefährdet. Wohnungslosigkeit ist daher nicht auf individuelles Verschulden zurückzuführen, sondern meist das Ergebnis einer Verkettung verschiedener Umstände. Grundsätzlich kann jedoch jeder Mensch obdachlos werden.

Was zeichnet die Heilsarmee in Österreich aus und wo liegen ihre Schwerpunkte?

Roland Skowronek: Die Heilsarmee gibt es in Österreich seit fast 100 Jahren. In Wien betreiben wir zehn verschiedene Angebote in der Wohnungslosenhilfe und eine christliche Gemeinde, die wir Korps nennen. Die Angebote der Gemeinde stehen auch jenen Menschen offen, die in unseren Einrichtungen wohnen. Was uns somit auszeichnet, ist die enge Verbindung zwischen unserer sozialen und christlichen Arbeit.

Was bedeutet das nun konkret für die soziale Arbeit in der Wohnungslosenhilfe?

Roland Skowronek: In der sozialen Arbeit geht es zunächst darum, die Grundbedürfnisse der Menschen zu decken, sie bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche zu unterstützen und ihnen den Zugang zu Wohnraum oder zumindest einen sicheren Platz in einer Einrichtung zu ermöglichen, sodass sie nicht auf der Straße leben müssen. Doch damit allein ist es oftmals nicht getan. Es geht auch um Gemeinschaft, Sinnfragen, um Orientierung und Solidarität. Um ein Miteinander auf Augenhöhe und einen Raum, in dem auch die großen Fragen des Lebens Platz haben.

Inwiefern bringt eine „Gemeinschaft“ Menschen einen Schritt weiter?

Roland Skowronek: Gemeinschaft ist ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Wir Menschen sind soziale Wesen und ohne Gemeinschaft verkümmern wir. Wir brauchen jemanden, mit dem wir uns austauschen können, sei es für ganz normale Alltagsgespräche oder um Fragen des Lebens, Sorgen und Nöte zu besprechen. Gleichzeitig müssen auch die grundlegenden Bedürfnisse gesichert sein. Beides gehört für uns zusammen. Gerade angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen ist die zunehmende Armut ein großes Problem. Immer mehr Menschen aus der Mittelschicht sind von Armut bedroht. Steigende Energie- und Mietkosten führen dazu, dass Wohnungen auf dem privaten Wiener Wohnungsmarkt selbst für einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung kaum noch leistbar sind. Hätten wir in Wien nicht so viele Gemeindewohnungen, wäre die Situation noch prekärer. Doch auf einen geförderten Wohnbau allein können wir uns nicht verlassen.

Die Regierung muss sparen und kürzt dazu auch Mittel im Sozialbereich. Auch die Heilsarmee hat in diesem Zusammenhang schon vor zunehmender Armut bei jungen Menschen gewarnt. Welche Herausforderungen sehen Sie?

Roland Skowronek: Wir haben in der Wohnungslosenhilfe viele sogenannte „Care Leaver“ – junge Erwachsene, die mit Erreichen der Volljährigkeit aus der Betreuung der Kinder- und Jugendhilfe entlassen werden und dann nicht selten von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Was eigentlich nicht sein sollte und nicht sein dürfte. Gerade in diesem Alter ist es schwer, Fuß zu fassen, wenn eine abgeschlossene Ausbildung, Arbeit oder ein geregeltes Einkommen fehlen. Ansonsten leben in unseren Einrichtungen auch alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern, die von Armut betroffen sind. Kinderarmut erhöht das Risiko, später selbst von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen zu sein. Denn Armut wird häufig über Generationen weitergegeben. Das sehen wir auch in den Biografien der Menschen, die wir begleiten.

Sie haben kürzlich Besuch vom internationalen Leiter der Heilsarmee erhalten. Welche Bedeutung hat der Besuch des Generals für die Heilsarmee in Österreich?

Roland Skowronek: Der Besuch des Generals bietet uns die Gelegenheit, von den internationalen Erfahrungen der Heilsarmee zu lernen. Die Heilsarmee ist in über 130 Ländern tätig, weit über die Obdachlosenhilfe und kirchliche Arbeit hinaus. Dieser Austausch erweitert unseren Blick auf die Herausforderungen in anderen Teilen der Welt. Gerade durch die zunehmende Globalisierung stehen viele Länder vor ähnlichen sozialen Herausforderungen. Probleme, mit denen wir in Österreich konfrontiert sind, finden sich auch in anderen Teilen der Welt wieder. Umso wertvoller ist für uns der internationale Austausch.

Welche Rolle spielt die internationale Vernetzung der Heilsarmee für Ihre Arbeit?

Roland Skowronek: Der Besuch des Generals zeigt, dass unsere Arbeit in Wien Teil einer weltweit agierenden christlichen Sozialorganisation ist. Diese internationale Dimension möchten wir stärker ins Bewusstsein rücken. Denn die sozialen Herausforderungen in Österreich können wir nur gemeinsam bewältigen: in Zusammenarbeit mit Stadt und Land, mit Partnerorganisationen sowie mit Unterstützung der internationalen Heilsarmee und anderer internationaler Organisationen.

 

Fotocredits: © Heilsarmee Österreich